Homo Magi 

Angst um Bücher

12.07.2026

Hallo Salamander,

es ist kein Geheimnis, dass nach dem Ende der DDR massenhaft Bücher vernichtet wurden. Da muss man nicht einmal lange suchen, um dazu Belege zu finden:

Nach der Wiedervereinigung wurden Millionen DDR-Bücher entsorgt und Bibliotheken geschlossen.[1]

Das Ganze wird im Zusammenhang mit KI noch einmal um einige Stufen schlimmer ... man mag es kaum glauben, dass das noch möglich ist. Aber die aktuelle Berichterstattung beweist, dass das das ist, was gerade geschieht … aller Dementis zum Trotz:

KI-Firmen kaufen Antiquariate leer – und vernichten die Bücher

Palettenweise wandern Sachbücher und Romane aus europäischen Antiquariaten in die USA. Dahinter stecken mutmasslich KI-Unternehmen: Sie nutzen gedruckte Bücher als Rohdaten für ihre Sprachmodelle – und werfen sie nach dem Scannen in die Tonne. Ein wichtiges Kulturgut geht dadurch verloren.[2]

Das ganze Vorgehen ist sehr eigenartig:

Ein kanadisches Unternehmen namens Zoom Books kaufte palettenweise vergriffene Ware – Kochbücher, Biografien, Belletristik. Keine Raritäten, sondern das genaue Gegenteil berichtet der Händler: «Gekauft wurden gezielt Non-Fiction-Titel ab 1970 mit ISBN-Nummern – angestaubte Lagerleichen, die seit Jahren niemand wollte. Ein Weiterverkauf ist völlig ausgeschlossen: Die Bücher sind wertlos, und es wurde pro Titel immer exakt nur ein Exemplar gekauft.[3]

Der Käufer will von diesen Vorwürfen nichts wissen:

Zoom Books dementiert die Vorwürfe kategorisch und verweist auf ein reguläres Recycling- und Handelsmodell. Doch die Systematik der Käufe schürte unter Händlern massive Zweifel. Auf Lagerfotos sieht man die Bücher lieblos in grosse Kisten geworfen – kein Händler behandelt Ware so.[4]

Das wird noch irrer, wenn man weiter liest – dahinter steckt eine eigenartige Konstruktion im US-Recht:

Hinter dem Phänomen könnte ein umstrittenes Konstrukt aus dem US-amerikanischen Urheberrecht stecken. Wer digitale Texte im Netz kopiert, riskiert Schadensersatzklagen. Kaufen KI-Unternehmen die Bücher hingegen physisch und vernichten sie nach dem Einlesen, gilt dies in der Branche als Versuch, sich auf das sogenannte Fair-Use-Prinzip zu berufen.

Was bedeutet «Fair Use»?

Das Fair-Use-Prinzip (deutsch: «angemessene Verwendung») ist ein wichtiger Grundsatz im US-amerikanischen Urheberrecht. Es erlaubt die Nutzung von urheberrechtlich geschütztem Material ohne ausdrückliche Erlaubnis des Rechteinhabers – sofern sie der öffentlichen Bildung und der Anregung geistiger Produktionen dienen.[5]

Da werden Maschinen trainiert auf „antiquierte Sprache“:

Warum gedruckte Bücher begehrt sind? Die bislang frei zugänglichen Texte im Netz sind für das Training moderner Sprachmodelle weitgehend ausgeschöpft. KI-Unternehmen suchen deshalb gezielt nach alten Fachbüchern aus Regionalgeschichte, Sprach-, Rechts- und Wirtschaftswissenschaften – Texte mit historischen Sprachstufen und stilistischen Feinheiten, die im heutigen Internet noch fehlen.[6]

Bis jetzt fand ich keine Diskussion dazu in deutschen Medien … aber die Folgen dürften klar sein: Der Tod der Antiquariate ist dann einen Schritt näher gekommen. Eine Kultur verschwindet.

Gruselig (und dass wir dann von KIs übernommen werden, die aus Kochbüchern trainiert werden, ist auch Angst-machend).

Dein Homo Magi



[1] www.deutschlandfunkkultur.de/ausradiert-wie-ddr-literatur-nach-1989-systematisch-gecancelt-wurde-100.html; 27.06.2026

[3] ebenda

[4] ebenda

[5] ebenda

[6] ebenda

 

 

 

 


 

 

 


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