Homo Magi und die Schleppnetzfischer

Ein heidnischer Krimi

Kapitel 6

Die Schlange und das Paradies

 

Ich mag Achim Reichel total gerne. Immerhin war er früher der Sänger der „Rattles“, die mit „The Witch“ einen echten Erfolg hatten. Aber auch seine neuen Sachen sind schön – wenn auch manchmal ein wenig eigenartig. Eine Platte, die „Eine Ewigkeit unterwegs“ heißt, muss einiges bieten, um das Versprechen des Titels einzuhalten. Aber „Die Schlange und das Paradies“ war jetzt für meine Stimmung genau das richtige.

Heute war der Tag der Tage: Mein Termin bei den Schleppnetzfischern. Toll, auf was man sich alles einlässt, wenn man erst einmal den ersten Schritt getan hat. „Die Diktatur der kleinen Schritte“ hat Bloch das mal genannt.

Trix und Alex waren pünktlich. Trix sah richtig ordentlich aus, Alex sah aus, als hätte er eine heilsgeschichtliche Rettung weniger nötig als eine Dusche und einen Friseur. Mir ist es ziemlich egal, wie Menschen aussehen, so lange sie sauber sind. Leider war das bei Alex nicht der Fall. Glücklicherweise musste ich ihn nicht zur Begrüßung umarmen, das hob ich mir für Trix auf. Er sah so aus, als würden meine Arme bei der Begrüßung an ihm kleben bleiben. Keine Vorstellung, die mich begeisterte.

Ich hatte mich konservativ angezogen, ohne auszusehen, wie der Schlapphutdetektiv von gestern abend. Eine ordentliche Hose, keine Jeans, dunkle Schuhe, einen grauen Rollkragenpullover. Dazu eine dünne Jacke. Kein Kreuz um den Hals, soweit wollte ich bei meiner Selbstverleugnung nicht gehen, aber unter dem Rollkragenpullover hätten um meinen Hals auch ein Davidsstern, ein Thorshammer oder ein Fünfstern versteckt sein können. Man muss sich nicht verkleiden, wenn man nicht alles zeigen will – es langt, weil man dem anderen Raum lässt, um seine eigenen Interpretationen auf die getragene Kleidung zu projizieren.

Nach einer kurzen Begrüßung machten wir uns gemeinsam auf die Wanderung zur Zentrale der Schleppnetzfischer.

 

***

 

Ich war von dem Versammlungsraum angenehm überrascht. Irgendwie hatte ich mir das düsterer vorgestellt, irgendwie klerikaler. So wirkte der Raum wie eine Turnhalle, die für den Gottesdienst bestuhlt worden war. Natürlich hing ein großes Kreuz an der Wand und ebenso natürlich gab es vorne ein Rednerpult samt Tisch, der durch seinen Überwurf als Altar gezeichnet war. Die Christen geben sich große Mühe, ihre Altare farblich und ornamental auf die entsprechende Jahreszeit vorzubereiten. Immerhin muss man zugeben, dass 2000 Jahre Christentum auch einen reichen Schatz an Symbolen erschaffen haben.

Nach einem Blick durch den Versammlungsraum ging ich wieder mit Trix und Alex in den Vorraum, in dem sich einige Gruppen junger Christen herumtrieben. Fast alle trugen ein Kreuz um den Hals, wobei Gestaltungsmöglichkeiten und Individualismus sich durch verschiedene Werkstoffe ausdrückten. Es gab hölzerne und metallene Kreuze. Einige Male sah ich auch lilane Halstücher und kleine Kreuzbroschen.

Hatte Jesus geahnt, dass seine Kreuzigung auch seinen Anhängern ein einfaches Symbol liefern würde? Wenn er ertränkt worden wäre – hätten die dann heute alle Wannen um den Hals? Ich hatte große Schwierigkeiten, das Lachen in meinem Hals zu unterdrücken.

Während der paar Minuten, die wir auf den Beginn des Gottesdienste warten mussten, wurden wir einige Male von freundlich lächelnden Christinnen und Christen angesprochen. Alex – immerhin unsere „Kontaktperson“ für diese Veranstaltung – wurde ein paar Mal freundlich von Leuten begrüßt, die ihn kannten oder Leute kannten, die sie kannten und so weiter und so fort. Immer wieder wurden Trix und meine Hand geschüttelt und wir wurden mit einer nicht enden wollenden Flut von Vornamen überschwemmt, die uns alle auf das herzlichste begrüßten. Fast alle sahen so aus, als hätten sie vor dem Gottesdienst noch mal einen wagenradgroßen Joint durchgezogen. Ihr Lächeln zog sich von Ohr zu Ohr und sah so weltfern aus, wie ein Lächeln nur sein kann.

Auf einmal ertönte ein leises Klingeln wie von einem Windspiel, das von einer leichten Brise angeschlagen wurde. Um uns herum verstummten die Gespräche und Gruppe nach Gruppe begab sich in den Versammlungsraum. Während wir uns auch hinein begaben, hörte ich noch, wie hinter mir die Eingangstür schlug, so als wäre ein letzter Trupp von Nachzüglern gerade nach rechtzeitig zur Tür hinein gekommen. Oder vielleicht gab es draußen eine Gruppe von rauchenden Christen, die noch schnell eine Kippe rauchte, bevor die Zimbeln den Beginn der Veranstaltung verkündeten.

Drinnen waren keine lauten Stimmen zu hören. Leise, fast zu leise bewegten sich die Gruppen auf die Sitzreihen zu und nahmen Platz. Trix war die erste, die merkte, dass wir wohl nur in den ersten zwei Reihen Plätze finden würden. Damit waren weder Alex noch ich wirklich glücklich, aber ich wollte jetzt auch nicht den auf den letzten Drücker den Raum verlassen, nachdem wir immerhin schon so weit gekommen waren. Also nahmen wir in der ersten Reihe Platz, wie auf dem Präsentierteller der Christenmenschen, die uns alle in den Nacken schauen konnten, während wir nur die Bühne beziehungsweise den Altar vor uns hatten.

 

***

 

Ich gebe gerne zu, dass von ihm eine elektrische Spannung ausging, die man in der ersten Reihe fast körperlich spüren konnte. Er bewegte sich wie ein Panther. Unterdrückte Kraft in einem Körper, der weniger sportlich als sehnig aussah. Er trug einen konservativ geschnittenen dunklen Anzug, dazu ein weißes Hemd mit dem üblichen Hemdkragen der Priester. Das einzige Kreuz, das ich an ihm sah, war ein silberner Anstecker am Revers. Er trug keine Ringe. Sein Alter bewegte sich in einem Graubereich zwischen 22 und 42. Aber trutz seiner jugendlichen Ausstrahlung wirkte er erwachsen, fast weise. Sein Gesicht war frei von den üblichen Markierungen der Stammestraditionen der heutigen Jugendlichen – Stecker in Ohr oder Nase, Ringe durch Augenbrauen oder Lippe, Tätowierungen im Nacken und so weiter. Natürlich konnte ich seinen restlichen Körper nicht durch die Kleidung hindurch beurteilen, aber ich würde vermuten, dass er seinen Körper als Tempel brav rein hielt und ihn nicht durch oberflächliche Verunstaltungen verziert hatte.

„Meine liebe Gemeinde!“ drang seine volltönende Stimme durch die Halle. Das Gewisper und aufgeregte Gehuste, welches die letzten Atemzüge einen nicht enden wollenden Geräuschpegel geliefert hatte, brachen sofort ab. Erwartungsvolle Stille machte sich breit. Er hob die Arme weit auseinander und wandte uns seine sauberen Handflächen zu. Wenn jetzt hinter ihm noch ein Holzkreuz gestanden hätte, dann wäre die Symbolik fehlerfrei gewesen. „Meine lieben Brüder und Schwestern! Willkommen im Namen des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes!“

Aus den Reihen der Gemeinde antwortete ein vielstimmiges „Amen!“. Ich hoffte, dass niemand von der Seite meine Mundwinkel beobachtete. Trotz meiner christlichen Erziehung hatte ich die Mitsprechregeln im Gottesdienst schon fast vergessen. Aus den Augenwinkeln schaute ich nach meinen beiden Begleitern. Trix schien sich gut zu schlagen (auch wenn sie wahrscheinlich „Sid Vicious“ gesagt hatte, damit ihr kein „Amen!“ über die Lippen kam), aber um Alex machte ich mir echte Sorgen. Wahrscheinlich durfte ich schon froh sein, wenn er nicht mitten in der Predigt als Antwort auf eine Frage laut losrülpste.

Er begann mit einem freundlichen Begrüßungssermon, der allen Anwesenden das Gefühl vermitteln sollte, dass sie endlich das Ziel ihres Suchens erreicht und diese geschützte Halle erreicht hatten. Dabei ließ er es sich nicht nehmen, auch die „neuen Gesichter“ freundlich zu begrüßen, wobei er uns Dreien freundlich zunickte. Ich war sehr dankbar, als ihm kein Rülpsen antwortete. Aber auch ich hatte kurz das Gefühl, aufstoßen zu müssen.

Man begann mit einem Lied. Leise dankte ich meinem Schöpfer für mein Studium der „Mundorgel“ und die CDs mit aktuellen Christenliedern. In mein stilles Fürbittengebet nahm ich auch den Laden der Stadtmission auf, der gerne bereit ist, solche Perlen der christlichen Tagesgestaltung an normale Kunden zu verkaufen, ohne deren Religionszugehörigkeit zu überprüfen.

Dann kamen wir zur Predigt. Ich könnte es mit Mark Twain halten: „Um was ging es in der Predigt?“ „Um die Sünde.“ „Und?“ „Er war dagegen!“

Die Variationsbreite der moralischen Endaufrufe von christlichen Predigern ist sehr eng. Ich habe noch nie erlebt, dass man am Ende einer Predigt zu Sex mit Kindern, Diebstahl oder zum Hören von Rock’n’Roll aufgefordert wird. Erst erhält man eine Zusammenfassung einer Bibelgeschichte, die man günstigstenfalls noch nicht 32 Mal gehört hat. Platz 1 meiner eigenen Kindergottesdiensthitliste war früher die Geschichte mit dem Senfkorn, knapp gefolgt vom barmherzigen Samariter (den wir – wegen des penetranten Spendenaufrufs nach der Predigt – immer den barherzigen Samariter nannten) auf Platz 2. Dann folgte die Erhebung der Toten auf Platz 3, bevor – weit abgeschlagen – auf Platz 4 die Teilung von Brot und Fisch folgte. In einer Kultur, in der Brot in großen Fabriken hergestellt wird und Fisch aus der Dose oder Tube stammt, sind diese Geschichten wohl nicht mehr der große Bringer. Und wer ist heute noch Bäcker oder Fischer? Beide Berufe werden bei uns nicht mehr sehr stark ausgebildet, wie ich aus jahrelanger Tätigkeit als Vermittler von arbeitslosen Jugendlichen gerne berichten kann. Das mag natürlich auch an dem Mangel an Küsten liegen, den meine Heimatgegend auszeichnete.

Nach der Bibelgeschichte erfolgt dann der theologische Spagat zu einem aktuellen Ereignis. Scheinbar informierten sich Pfarrer aus Radio und Fernsehen, denn niemals erhielt man Hinweise auf die Geschichten, die Menschen wirklich interessieren – zumindest wenn man dem Leseaufkommen im Vorzimmer von Friseuren und Arztpraxen glauben darf, interessieren sich die meisten Menschen mehr für das Liebes- und Sexualleben der Reichen, Schönen und Adligen als für Politik und Geschichte. Aber der „aktuelle Bezug“ war bei Predigten immer wichtig.

Jetzt merkte ich aber, dass ich schon vor einer Weile aufgehört hatte, der Predigt wirklich zu folgen. Verstohlen warf ich Blicke nach links und rechts und stellte fest, dass die Gemeinde begeistert an den Lippen des Predigers hing. Er hatte wirklich eine ausnehmend schöne Stimme und konnte mit diesem Instrument erstaunlich gut umgehen. Aber er hatte es auch geschafft, die biblische Geschichte erstaunlich schnell abzuhaken, wobei er es auch geschafft hatte, sie sprachlich vernünftig rüberzubringen. Ich mag Luthers Deutsch, aber es ist für viele Gemeinden heute nicht mehr adäquat. Er schaffte es, biblische Zusammenhänge in die moderne Sprache zu übersetzen. Ich war überrascht, so viel hatte ich ihm nicht zugetraut.

Sein aktueller Bezug speiste sich zwar auch nicht aus den Boulevardzeitschriften, aber dafür war es die Betonung von satanischen Gefahren und dämonischen Einflüssen, die mich aufhorchen ließ. Hier ging es nicht um das Standardrepertoire, das ich aus der Kirche gewohnt war, hier ging es um Heilserwartung und das baldige Ende der Welt. Armageddon war nahe, und nur die Auserwählten würden aus den Auseinandersetzungen mit dem Antichristen als siegreich hervorgehen. Und natürlich war klar, auf welcher Seite die Menschenfischer stehen würden – auf der siegreichen Seite Gottes!

Täuschte ich mich, oder ließ der Prediger immer mal wieder seinen Blick über mich und meine Entourage gleiten? Ich hatte den Eindruck, dass er uns bei seinen Ausführungen über die Gottlosen, die in schrecklicher Verdammnis enden würden, genau im Blick behielt. „Nur weil man nicht paranoid ist, heißt nicht, dass sie einen nicht verfolgen!“ Dieser Sinnspruch kam mir passenderweise in den Sinn.

Ich riss mich zusammen und lauschte dem genauen Wortlaut der Predigt – was nicht so einfach war, denn die Aussagen der Predigt widersprachen in vielen Teilen dem, was ich für mich als wahr angenommen hatte. Natürlich ging ich nicht davon aus, dass es zu einem Armageddon zwischen den Kräften von Licht und Finsternis kommen würde – und ich lebte schon gar nicht in der Naherwartung, dass sich das in den nächsten zwanzig Jahren ereignen würde.

Interessant war schon, was er an Vorzeichen aufzählte. Er spannte einen weiten Bogen von vorgeschlechtlichem Geschlechtsverkehr und Rockmusik bis hin zur Bestechlichkeit der politischen Klasse. Natürlich waren das alles Faktoren, die mir bekannt waren. Aber ich hielt sie für kein prägendes Anzeichen der momentanen Lage sondern für Dinge, die in der menschlichen Geschichte immer wieder auftauchten. Natürlich war es nicht die Rockmusik, die früher bekämpft worden war, aber wahrscheinlich haben schon die christlichen Prediger im römischen Untergrund schon gegen Afrikaner gehetzt, die zu Ehren des Teufels ihre Trommeln schlugen. Der Blues, der Jazz, der Rock’n’Roll, die Punkmusik – alle waren sie Leinwände, auf die im Laufe der Geschichte Prediger Dias von Verderbnis und Verworfenheit projiziert hatten. Eigenartigerweise predigt nie jemand gegen Volksmusik, obwohl die in ihrer musikalischen Vereinfachung und Rückbesinnung auf traditionelle Werte wie Heim, Herd und Heiland sicher dazu gedacht war, die breiten Massen ruhig und glücklich zu halten.

In Deutschland hätte es schon längst eine Revolution gegeben, wenn wir kein Privatfernsehen hätten ... Schon wieder schien er uns im Blick zu haben. Ich hoffte, dass wir hier nicht als dämonische Agenten auf dem Präsentierteller vorgeführt werden. Mein Leben sollte nicht in einem billigen Exorzismus in einer Turnhalle enden!

Erneut schaute ich verstohlen nach links und rechts – und konnte gerade noch sehen, wie Trix Alex auf die Finger schlug, weil er dabei war, Tiefenbohrungen in seiner Nase durchzuführen. Verstohlen wischte er sich Popel und Schleim an seiner sowieso nicht sauberen Hose ab. Ich hoffte inständig, dass es im alten Testament keine Verbindung zwischen Teufelsanbetung und Nasenbohren gab!

Gerade hatte ich gedacht, es wäre mir gelungen, wieder dem Text zu folgen, als ich die nächste Klippe vor uns auftauchen sah: Das gemeinsame Gebet! Und wie nicht anders zu erwarten, standen alle auf. Nun gut, ich glaube nicht, dass irgendwelche heidnischen Götter, die sich für mich zuständig fühlen, Schwierigkeiten mit einer kleinen Trickserei haben würden. Aber ob ich auch für meine Begleiter das selbe erwarten konnte ... Ich stand also auf, um das „Vater unser“ über mich ergehen zu lassen. Auch Trix stand auf – aber Alex blieb sitzen. Leider wusste ich nicht, ob er einfach nur die Massenbewegung übersehen hatte oder absichtlich sitzen blieb. Trix versuchte, ihn am Arm hochzuziehen – und Alex stand sogar auf. Ich konzentrierte mich auf den Text und versuchte nicht allzu auffällig Ludwig Uhland zu zitieren, während die anderen das „Vater unser“ sprachen. In dem Gebetstext gibt es zu viele Stellen, die ich nicht mitsprechen will, aber ich war hier zu stark in der Minderheit und Gast, um sie durch meinen offensichtlichen Widerstand zu verärgern.

Als ich die Augen wieder hob sah ich den Blick des Predigers, der über uns drei schweifte. Scheiße! Der Blick aus diesen Augen sagte mir überhaupt nicht zu. Da waren zu viele Anteile enthalten, die ich unter „unangenehm“ einstufen würde, um mich wirklich zufriedenzustellen. Als er zum Reden ansetzte, war mir klar, dass mir die nächsten Sätze nicht gefallen würden.

„Liebe Brüder und Schwestern! Heute sind drei Menschen unter uns, die den Weg in unsere Gemeinde gefunden haben.HeuteHeutee

 Es ist schön zu sehen, dass mehr und mehr Christen ihren Weg finden und in diesen Tagen der Anfechtung in den Schoß der Gemeinde zurückkehren. Möge Gott ihren weiteren Weg segnen!“

Ein vielstimmiges „Amen!“ antwortete aus den Reihen.

„Steht bitte auf, ihr Drei, und zeigt euch der Gemeinde.“

Trix war die erste von uns, die aufstand. Sie hatte noch nie Schwierigkeiten damit gehabt, ihren Weg zu gehen, egal, was die Menschen um sie herum davon hielten. Alex war immerhin von seiner Schwester eingeladen, von daher fiel es ihm auch leicht, sich zu erheben. Mit war etwas mulmig zumute – so, als würde ich stehend eine bessere Zielscheibe bieten. Ich stand also auf, drehte mich kurz um, verbeugte mich freundlich, wobei ich den Blick gesenkt hielt, und setzte mich wieder.

„Wem haben wir es zu verdanken, dass diese drei heute unter uns sind?“ Sein Blick schweifte über die Gemeinde.

„Ich habe schon einige Male von meiner Familie erzählt, die in ihrer Sünde verharrt.“ Alex stöhnte leise wie gequält auf. Also war das wohl seine Schwester. „Meine Familie hat als letzten Versuch, um mich wieder für sich zu gewinnen, meinen Bruder Alexander zu mir geschickt, um mich von meinen Wegen abzubringen. Aber Jesus war stärker!“

Wieder erscholl ein „Amen!“ durch die Gemeinde.

„So, du bist also Alexander?“ Alex schaute auf. Scheinbar war er nicht sehr zufrieden, bei seinem vollen Namen angesprochen zu werden. Alex war auch wirklich viel cooler als Alexander, wie ich gerne zuzugeben bereit war. „Deine Schwester hat uns schon oft von dir erzählt. Und wir haben auch gemeinsam für dein Seelenheil gebetet! Es ist immer wieder schön zu sehen, dass auch in dieser harten Zeit Gebete noch erhört werden! Ich möchte dich im Namen aller herzlich in unseren Reihen begrüßen.“

Von der zweiten Reihe aus griffen Leute nach vorne und legten Alexander die Hand auf den Arm, um im zu zeigen, dass er nicht alleine war und in den Reihen wirklich gerne willkommen war. Die Menschen in unserer Reihe drehte sich um und grüßten nett zu ihm herüber.

„Und wer sind deine Freunde?“ erscholl die nächste Frage.

Alex musste sich wirklich kurz räuspern, um zu antworten. „Das ist Trix, eine Freundin.“ Wieder das selbe Spiel mit Begrüßung und Antatschen.

„Und wer ist der Herr?“

Alex wollte wohl gerade für mich antworten. Aber ich war nicht sicher, ob mir die Art von Vorstellung gefallen würde, die er gab. Und bevor Trix in die Bresche sprang und mich vorstellte, wollte ich mich doch lieber selbst erklären. Nichts gegen Trix, überhaupt nichts gegen Trix – aber sie war hier, weil ich sie darum gebeten hatte. Also musste ich hier selbst meinen Mann stehen. Ich erhob mich. „Mein Name ist Herr Acht.“

Der Prediger lächelte fast zynisch. „Gut, dann eben Herr Acht. Herzlich willkommen in unseren Reihen.“

Ich muss wohl nicht so ausgesehen haben, als wäre ich zufrieden damit, in diesen Kreisen willkommen zu sein. Das schien er auch zu merken, aber er überspielte seine Enttäuschung gekonnt. Es fiel ihm leicht, in den Rahmen der Liturgie zurückzuspringen und den restlichen Gottesdienst abzufeiern. Viel gab es nicht mehr, was wir noch über uns zu ergehen hatten. Es wurde noch ein wenig gesungen (ja, es gab wirklich „Ein Schiff, das sich Gemeinde nennt“ – irgendwie hat sich in den letzten 20 Jahren nichts verändert), dann wurden Fürbitten verlesen, wobei mir auffiel, dass man hier offensichtlich Heilung und Rettung vor allen Unbillen des Lebens erwarten durfte, hießen die jetzt Krebs, Arbeitslosigkeit oder Eheprobleme. Ich würde mich nie dazu überreden lassen, meine Beziehungsprobleme vor meiner Religionsgemeinschaft zu diskutieren, aber hier schien es völlig normal, dass ein Paar mit seinen Kinderwünschen oder Streitigkeiten vor die Gemeinde trat und laut verkünden ließ, für was sie Hilfe brauchten. Brrrr. Innerlich schauderte mir bei dem Gedanken daran, wie viele dunkle Kammern meines Ichs ich öffnen müsste, wenn ich genauso offen über mein Leben reden sollte.

Dankenswerterweise blieben mir das Erheben der Toten und Zungenreden erspart. Vielleicht war es der Status des heutigen Tages als einer Veranstaltung mit Gästen, welcher die härtere Gangart verhinderte. Man wollte wohl keinen damit abschrecken, dass sich Gemeindemitglieder in Trance redeten und dann auf sumerisch oder olmekisch dem Satan abschworen. Ehrlich, mein olmekisch ist so schwach, dass ich wahrscheinlich nicht erfahren würde, über was sie reden. Aber Prediger sind da wohl besser für die Übersetzung geeignet als ich ...

Nach dem Gottesdienst wollte ich am liebsten das Gotteshaus verlassen. Ganz wohl war mir nicht dabei, hier auch nur eine Minute länger als unbedingt notwendig zu verweilen. Es gab Orte, an denen ich im Moment lieber wäre – sogar abgesehen von meinem Bett und einer Theke. Aber mir war es nicht vergönnt, den Ausgang auch nur in Reichweite zu haben. Kaum betraten wir den Vorraum, stellte sich schon der Prediger mit weit ausgebreiteten Armen in unseren Weg.

„Wie schön, Alexander, dass du und deine Freunde zu uns gefunden haben.“

Alex Gesicht drückte nicht unbedingt Freude über diesen Kommentar aus. Trix sah so aus, als würde sie ein Lachen mit einem Hüsteln unterdrücken.

„Darf ich euch einladen, noch etwas zu bleiben?“ Er sprach mit uns allen, doch ich hatte den Eindruck, dass sein Blick auf mir lag.

„Danke für die Einladung. Aber ich bin so überwältigt, dass ich jetzt gerne etwas frische Luft schnappen würde.“

„Höre ich da ein wenig Zynismus heraus?“ war seine Erwiderung.

„Das mag schon sein.“

„Zynische Menschen haben es schwer, zu Gott zu finden.“

„Diese Bibelstelle muss mir entgangen sein.“

Er lachte leise. Unangenehm fiel mir auf, dass mehr und mehr Menschen in der Umgebung ihre Gespräche eingestellt hatten und dem Zwiegespräch zwischen dem Prediger und mir lauschten. „Ihr seid nicht nur zynisch, sondern auch überheblich. Dies ist, wie ihr sicherlich wisst, unter dem Namen Hochmut eine Sünde.“

„Der von euch ohne Sünde ist ...“

„... der werfe den ersten Stein!“ vollendete er meinen Satz. „Ich sage nicht, dass ich ohne Sünde bin – aber ich strebe danach, ein gottgefälliges Leben zu führen!“

„Das unterscheidet uns vielleicht.“

„Wenn ihr nicht gottgefällig leben wollt – wem folgt ihr dann?“

Ich spürte, wie es im Raum merklich kälter wurde. Gerade begab ich mich auf übelstes theologisches Glatteis. Sollte ich ihm erklären, dass ich einer anderen Fraktion angehörte, für die sein Gott nicht zuständig war? Nach der ideologischen Vorbereitung, die im Gottesdienst gelegt worden war, hätte ich sicherlich Ärger bekommen. Ich rechnete nicht mit Handgreiflichkeiten, aber immerhin war ich hier, um einen Auftrag zu erfüllen, nicht, um eine Werbetour für das Heidentum zu starten. Außerdem fehlten mir für eine erfolgreiche Repaganisierungskampagne die nötigen Zutaten, nämlich Vanilletee und Plätzchen.

„Ich vermute, dass ihr selbst eine Antwort auf diese Frage habt.“

Um mich herum war es jetzt so still, dass man eine Stecknadel hätte fallen hören können. Mit großer Geste wandte er sich seinen schweigenden Schäfchen zu. „Der Versucher kommt in wandelnder Gestalt. Herr Acht weiß vielleicht nicht, dass er ein Werkzeug der Hölle ist, wenn er nicht ein Werkzeug Gottes ist.“

Ich konnte mir meinen Zynismus nicht verkneifen: „Gibt es noch weitere Optionen?“

Als er sich jetzt zu mir umdrehte, hatte sein Gesicht jeden Anschein der Freundlichkeit verloren. Es war voller hektischer roter Flecken, seine Augen schienen zu glühen. Sein Zeigefinger deutete auf mich, als wollte er mich durchbohren. „Nein, es gibt keine Möglichkeiten zwischen Gott und dem Teufel! Wenn ihr nicht Gottes seid, dann seid ihr des Teufels!“

Ich holte Luft. „Ich bin nicht des Teufels, denn ich glaube nicht an einen Satan, der als gefallener Engel die Welt beherrschen will.“

„Dann glaubt ihr auch nicht an Gott. Glaubt ihr daran, dass Jesus Christus für unsere Sünden gestorben ist?“

Ich ließ seine direkte Frage unbeantwortet. „Wer ist dieses ‚unser’? Ihr und ich? Ihr und euere Gemeinde?“ Ein Blick in die Runde verriet mir, dass die wenigen neutralen oder gar freundlichen Gesichter, die ich eben noch gesehen hatte, jetzt fast bösartig zu mir herüberschauten.

„Ihr seid starrköpfig. Was führt euch hierher, wenn es nicht der Wunsch ist, für den Satan unsere Reihen auszukundschaften?“

Ich wollte gerade etwas sehr kluges antworten, als ich hinter mir eine Stimme hörte, die mir das Mark in den Knochen einfrieren ließ. „Ich glaube, er ist hier, um mich wiederzusehen.“

 

 

 

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