Homo Magi 

Lesungen

17.02.2019

Lieber Salamander,

meine Lesungen sind verflucht. Eigentlich gut verflucht und nicht verflucht gut.

Das liegt nicht daran, dass ich nicht alles gebe. Ich studiere meine Texte vorher, übe Aussprache und schwierige Wörter, mache mir Gedanken über die Sprechstimmen einzelner Figuren und trainiere mir Dialekte an. Mein sächsisch! Mein schweizerisch! Alles großartig.

Ebenso kümmere ich mich um ein Leseexemplar, in dem die zu verlesenden Stellen markiert sind. Mein Exemplar, das ich immer an meinem Körper trage, bevor die Lesung endlich beginnt. Diesem Buch darf nichts passieren.

Die Verkaufserlöse interessieren mich überhaupt nicht so, von meinen Buchverkäufen werde ich sicherlich nicht reich. Könnte ich auch nicht, denn auf meinen Lesungen liegt ein Fluch.

Wenn man glaubt, dass einem als Autor nicht mehr als ein Wasserrohrbruch in der Buchhandlung der Lesung am Abend vor dem Termin passieren kann, der wird schnell eines Besseren belehrt, wenn im Nebenraum das lang angekündigte Konzert einer Speed Metal-Band dafür sorgt, das man nur Texte in Gebärdensprache vortragen kann. Oder man liest gerade, während zwei Räume weiter der Stargast der Veranstaltung stirbt (eine Geschichte, die ich nur nach zwei Bier erzähle, die ich selbst nicht bezahlt habe). Meine beste Lesung war bisher jene, bei der ich kein Wort gelesen habe. Ein mieser Versuch, das Schicksal zu verwirren.

Aber ich hatte mich wieder auf eine Lesung eingelassen. Vorher hatte ich erzählt, dass da ein Fluch … aber keiner glaubte mir. Nicht einmal, als die Züge bündelweise um uns herum ausfielen und wir fast zwei Stunden zu spät am Zielort ankamen. Zum Glück hatte ich genügend Zeit für Puffer eingeplant, nämlich für Kartoffelpuffer, aber Kaffeetrinken und Ernährung werden bei Autoren überschätzt. Die Veranstalterin holte uns trotz der Verspätung vom Zug ab, um uns dann vor dem falschen Hotel abzuliefern. Eine weitere Stunde später waren wir mit einem schwarzafrikanischen Taxifahrer, der kaum Deutsch verstand und keine Quittungen ausstellt, am Ziel. Langsam wurde die Zeit echt knapp. Essen und Kaffee werden überschätzt, also ging es gleich weiter zur Lesung.

Dort angekommen erfuhr ich innerhalb weniger Minuten, dass der Buchladen wohl den Termin vergessen hat, weswegen man keine Bücher von mir kaufen kann. Der Hauptredner des Abends hatte eine Grippe und übergab mir die Organisation zu treuen Händen, dafür hatte der zweite Redner „das Buch“ nicht mit. Lief super. Wenn ich jetzt noch erzähle, dass der Eingang zu der Örtlichkeit weder beschildert noch beleuchtet war, dass ich bei der Lesung 90 % der Gäste mit Vornamen anreden konnte und … ach, Autorenschicksal. Dafür bin ich reich und berühmt – in irgendeiner Parallelwelt. Aber dafür gibt es ja die vielgerühmte Phantasie des Schriftstellers.

Suche mich nicht in der Spiegel-Bestsellerliste!

Dein Homo Magi

 

 

 

 

 


 

 

 


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