Homo Magi 

Eine nicht gehaltene Rede

30.12.2018

Lieber Salamander,

zum Jahresende überlegt man sich in den Raunächten, was die Zukunft wohl bringen mag. Dabei fällt mir auf, dass im nächsten Jahr mein Abitur sich zum 35. Mal jährt. Wird es wieder eine Party geben? Leben alle noch? Kennen wir überhaupt noch einen unserer ehemaligen und noch aktiven Lehrer, der uns einen Klassenraum vermieten kann?

Und: Was sagt man zu einem solchen Abend, sollte man gefragt werden, ob man die Eröffnungsrede hält? Ich weiß nicht, was die anderen sagen würden. Doch was ich sagen würde, das weiß ich.

Ich würde davon sprechen, dass das Leben ein Geschenk ist, für das wir alle nicht bezahlt haben. Dass der Tod diesem Geschenk inhärent ist. Wir müssen keine Angst vor ihm haben, nur vor dem Sterben. Und das können wir beeinflussen. Sterben wir zu unseren Konditionen, wenn es soweit ist? Fordern wir den Tod ständig heraus oder lassen wir ihn kommen? Reißen wir irgendwann die Kabel von den Maschinen oder sorgen wir dafür, dass sie abgestellt werden, wenn wir nicht mehr können?

Sind wir bereit, immer den vollen Preis zu zahlen? Wir können immer mit dem Leben bezahlen, dem höchsten Preis. Aber wieviel von diesem Preis nutzen wir tatsächlich aus? Für die große Liebe, die ein Leben hält – ein Finger? Spenden wir Organe, wenn ein Mensch sie braucht, den wir lieben? Kümmern wir uns um Menschen, mit denen wir nicht verwandt sind, einfach nur, weil es uns gut geht und wir helfen können? Sagen wir Freunden, dass wir sie mögen und Verwandten, wenn wir sie nicht mögen?

Wenn wir feststellen, dass wir Mitte 50 sind und das Leben ist langweilig – bleiben dann die nächsten 20 Jahre so? Schämen wir uns für unseren mangelnden Mut in den letzten Jahrzehnten und verändern wir nichts? Haben wir Angst, dass dort draußen nichts Besseres lauert? Und dann kommt der Tod, und wir haben nichts vorzuweisen als unsere Angst. Davor haben wir am meisten Angst, aber wir sprechen nicht darüber.

Ein weiser Mann sagte etwas sehr richtiges: „Helden sind nicht mutiger als andere Menschen. Sie sind es nur fünf Minuten länger.“[1]

Raus aus den Couchecken. Wir haben nichts zu verlieren als unsere Angst. Und das schlimme ist: Wir sind alt genug, um zu wissen, was gut und richtig ist. Wir sind nur zu bequem, es zu leben. Doch dafür ist das Geschenk nicht da, das uns wer auch immer gegeben hat. Bestimmt nicht.

Hach. Es geht nichts über nicht gehaltene Reden. Einen guten Rutsch in das neue Jahr, kleiner Salamander.

Dein Homo Magi

[1] Nach Ralph Waldo Emerson

 


 

 

 

 

 


 

 

 


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