Homo Magi 

Elternhaus

24.06.2018

Hallo Salamander,

meine Mutter hat unser Elternhaus geräumt. Irgendwann kommt einfach der Zeitpunkt, wo man als ältere Dame nicht mehr auf vier Stockwerken wohnen sollte. Wenn man dann fällt und keiner findet einen … gruselige Vorstellung. Also wohnt mea mater jetzt auf einem Stockwerk in einer eigentlich ganz netten Wohnung.

Aber leider hat die letzte Räumaktion in meinem Elternaus vor über 50 Jahren stattgefunden. Das Haus ist 52 Jahre alt, und wahrscheinlich hat man damals schon angefangen, alles zu verstauen, um es dann nie wieder in die Hand zu nehmen. Jetzt, wo meine Mutter ausziehen musste, war wahrscheinlich niemand insgeheim ärgerlicher als sie, dass sie noch lebte – den das führte dazu, dass die potentiellen Erben nicht alles ausräumen musste, sondern sie selbst gezwungen war, Gegenstände zu identifizieren.

Das Aufräumen von Nachlässen gleicht doch sonst oft archäologischen Abenteuern. Keiner weiß, was Gegenstand X in Wirklichkeit ist. Ein elektronisches Hilfsmittel zum Entkernen von Pflaumen? Das Steuerelement einer Reichsflugscheibe? Ein Föhn mit einem Adapter für Strom in Großbritannien? Keiner weiß es genau, so wie auch keiner weiß (oder wissen will) welche Frucht eingekocht, dann mit einem unlesbaren, im Original in violett und Sütterlin verzierten Aufkleber markiert und dann luftdicht verschlossen worden ist. Wer das Siegel der Konfitüre zerbricht, der soll kennenlernen die Plagen des Alten Israel – und die unfassbare Marillenkonfitüre von Tante Barbara aus Bad Ischl.

Meine Mutter wäre sicherlich bereit der Theorie zu glauben, dass Kobolde aus Dimension 12 Dinge in ihren Schränken versteckt oder gelagert haben, die jetzt erst an das Tageslicht kommen. Anders ist nicht zu erklären, was sie in einer eigenen WhattsApp-Gruppe feilbot. Ich bin aus der Gruppe irgendwann mal ausgestiegen, weil ich es nicht länger ertragen habe, diesem Flohmarkt der Gefühle zu folgen. Aber bis dahin hatte ich – abgesehen von der Wegbeschreibung zum verschollenen Bernsteinzimmer, die ich nicht wiedergefunden habe – Berge von Krempel „erstanden“, der jetzt meine Wohnung füllt.

Nein, ich habe mir aus Gründen der zwingenden Mentalhygiene vorgenommen, nur Dinge anzunehmen, wenn ich in gleichen Rahmen dafür Platz schaffe. Also habe ich 90% der „Erwerbungen“ nur einmal durch die Wohnung bewegt. Da diese im 2. Stock, die Lager- und Versandabteilung aber im Keller liegt, habe ich trotzdem jeden Gegenstand noch mindestens 38 Mal in der Hand gehabt, bevor er wieder seiner Wege zieht. Aber die körperliche Arbeit hat geholfen, den Schmerz zu bekämpfen, den der Verlust des Elternhauses unwiederbringlich auslöst. Ein kleiner Tod des Herzens, ein kleiner Tod der Erinnerung, ein kleiner Tod der Reste der Kindheit.

So ist das Leben.

Dein Homo Magi

 

 

 


 

 

 


[

 


 

Kolumnen

vorherige

nächste

Mail an Homo Magi

Inhalt

Beiträge des Teams:

RezensionenMär & Satire
Essais
Sachartikel Nachrufe
Bücherbriefe
PR-Kolumnen
Lyrik

Forum