Homo Magi 

Die Bank und ich

17.12.2017

Hallo Salamander,

Ich besitze ein Bankkonto. Das dürfte an sich keine Überraschung sein. Jetzt bin ich vor ein paar Jahren umgezogen. Dann ist die Filiale bei meiner Mutter um die Ecke (also in meinem Heimatort) geschlossen worden. Einsparmaßnahmen wohin man schaut, ich könnte doch in die große Stadt fahren, um dort meine Geldgeschäfte zu erledigen. Das ich einige hundert Kilometer entfernt wohnte, fiel den Sachbearbeitern nicht auf.

Aber über längere Zeit lief das gut, es gibt ja Bankautomaten und das Telefon. Einmal habe ich mich brav bei der neuen Sachbearbeiterin in der großen Stadt vorgestellt, damit die weiß, wer ich bin, aber mehr Kontakt war da nicht – sieht man von den nervigen Serienbriefen ab, bei denen einem Tankerbeteiligungen in Surinam, neue Einlogdaten für das tolle Internet (ich habe gar kein Onlinebanking) oder Änderungen der allgemeinen Geschäftsbedingungen zugeschickt werden, die gerne mal zwölf Seiten in einem Schriftgrad für Perfektseher offerieren.

Also kam irgendwann der Tag, an dem ich beschloss, meine Bankfiliale an meinen Arbeitsort umzuziehen. Zu der Filiale komme ich deutlich öfters als zu meiner Mutter, die haben einen großen Parkplatz, nette Mitarbeiter und einen Kaffeevollautomaten. Also änderte ich dort das Konto hin, ohne damit zu rechnen, dass ich ab jetzt tägliche Anrufe erhalten würde. Nicht, dass ich vorher die abgebende Bankfiliale nicht informiert hatte, aber so etwas wird bekanntlich überschätzt.

Anruf 1: Ich hätte mein Konto gewechselt. Ob das richtig wäre? Nicht, dass ich in der neuen Filiale nicht mit Personalausweis und allem Drum und Dran das längst erledigt hätte. Und wie schön die Idee, dass eine Kontaktaufnahme über eine aus den Archiven gerettete Mobiltelefonnummer mehr Sicherheit gibt als meine tatsächliche Anwesenheit samt Ausweis. Man verstand nicht, warum ich ein wenig verwirrt war.

Anruf 2: Ich hätte mein Konto gewechselt. Ob ich denn auch vorhätte, alle Unterkonten samt dem Kreditwesen und alles andere auf das neue Konto zu wechseln. Meine Hinweise auf meine gesammelten Unterschriften vor Ort und mein Versprechen der neuen Filiale, dass damit ALLES erledigt sei, führten zu eigenartigen Rückfragen, die ich abarbeitete.

Anruf 3: Ich hätte mein Konto gewechselt. Ob ich denn mit meiner Filiale unzufrieden sei. Im Gespräch stellte sich heraus, dass „meine Filiale“ jene Filiale war, die seit zwei Jahren geschlossen ist. Wie es mir möglich sein soll, den Service einer Geisterniederlassung zu beurteilen, ist mir unklar, aber man kann ja über alles reden, besonders am Telefon.

Anruf 4: Ich hätte mein Konto gewechselt. Ob ich denn nicht Lust hätte, jetzt zu Onlinebanking zu wechseln. Wenn ich Lust hätte, zu Onlinebanking zu wechseln, würde ich kaum eine Filiale bei meinem Wohnort wählen, oder? Und da ich seit Erfindung des Internets die Versuche der Bank abwehre, mir ein Onlinekonto einzurichten, sei es doch hoch unwahrscheinlich, dass ich jetzt diesen Wechsel vollziehen würde. Ob ich denn mit meiner Filiale unzufrieden sei … Letztmalig wies ich auf die Existenz der Geisterfiliale hin, wo man offensichtlich in einem Keller noch ein Unterunterkonto von mir weiter führt, was eigenartige Rückfrage erklären würde. Ich bat den Sachbearbeiter, mal einen Blick in seine Unterlagen zu werfen. Er tat es, reagierte mit einem „Oh“ und wollte auflegen. Ich hielt ihn auf und erzählte ihm detailreich, was ich tun würde, wenn sie weiterhin eine geschlossene Filiale im Umgang mit mir weitersimulieren. Und was ich davon halte, dass mein Geld offensichtlich von Wesen verwaltet wird, die weder meine Unterlagen lesen noch daran glauben, dass ich selbst tatsächlich und faktisch mit meinem echten Personalausweis in der Hand eine Willenserklärung bei der neuen Filiale abgegeben habe, deren Berücksichtigung mich mit großer Freude erfüllen würde.

Ich harre der weiteren Entwicklung. Wahrscheinlich machen sie jetzt die geschlossene Filiale wieder auf, retten mein Unterunterkonto und rufen an.

Es gibt Untote. Sie haben kein Gehirn mehr, aber sie können telefonieren. Und zwar mit mir. Ausschließlich. Alle.

 

Dein Homo Magi

 

 

 

 


 

 

 


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