Homo Magi - Teambeitrag

Eric Kurlander

Hitler's Monsters - A supernatural History of the Third Reich

New Haven & London, 2018

Eine Buchbesprechung von Hermann Ritter

 

Eric Kurlander. Hitler's Monsters

Immer wenn man glaubt, endlich käme ein gutes Buch über das Verhältnis zwischen Nationalsozialismus und Okkultismus heraus, passiert so etwas. Hochgelobt und mit einem riesigen Quellenapparat verstehen, präsentiert sich auf über 420 Seiten dieser Überblick.

Introduction

In der Einleitung schreibt der Autor:

„(…) I argue that no mass political movement drew as consciously as the Nazis on what I call the »supernatural imaginary« – occultism and »border science«, pagan, New Age, and Eastern religions, folklore, mythology, and many other supernatural doctrines – in order to attract a generation of German men and women seeking new forms of spirituality and novel explanations of the world that stood somewhere between scientific verifiability and the shopworn truths of traditional religion.”[1]

Und schon wird es schwierig, denn eine Definition von (historisch später entstandenen) Begriffen wie New Age für die beschriebene Zeit unterlässt der Autor. Richtig ist, dass viele krypto-historische Deutungen des Nationalsozialismus aus den 60ern und 70ern stammen, korrekt identifiziert der Autor u.a. Pauwels/Bergier und Ravenscroft als Quellen hierfür.[2]

Part One

Im ersten Teil geht es auf fast 100 Seiten um die Wurzeln des Nationalsozialismus – das erste Kapitel heißt zutreffend „The Supernatural Roots of Nazism: Ario-Germanic Religion, Border Science, and the Austro-German Occult Revival 1889-1914“, gefolgt von einem zweiten Kapitel über die Geschichte von der Thule-Gesellschaft zur NSDAP von 1912 bis 1924 und einem dritten Kapitel von der Weimarer Republik bis zum III. Reich.

Kurlanders Einschätzung ist prinzipiell richtig:

Folklore, mythology, and neo-paganism rushed to fill an important gap in the German spiritual landscape, helping to occupy »the transcendental realm of mystic life« vacated by Judeo-Christian traditions.”[3]

Dieser erste Teil ist der stärkste Teil des Buches, mit großartigen Darstellungen der Rolle der Astrologie und bekannter Personen wie des Sehers Erik Hanussen. Der historische Überblick bietet keine Überraschungen, ist aber solide und gut zu lesen.

Part Two

Auf weiteren fast 100 Seiten geht es um die Auseinandersetzungen mit dem Okkultismus, besonders in Zusammenhang mit Rudolf Hess sowie der Suche nach alternativen Religionen. Interessant ist das Hin und Her in der Verwaltung des III. Reichs, dass nicht nur aus dem Bezug auf den Okkultismus bekannt ist. Aber der Hinweis, Hess sei vom britischen Geheimdienst getötet worden, muss die Frage erlauben, wenn die Russen dann Jahrzehnte lang eingesperrt haben. Diese Frage wird aber nicht gestellt.[4]

Interessant sind die Abhandlungen darüber, wie man versucht hat, die Astrologie auf nordische Wurzeln zu setzen. Lesenswert ist auch, wie der nach dem 2. Weltkrieg als Parapsychologe bekannte Hans Bender seine Karriere im III. Reich begann und entlang der Ideologie des III. Reiches ausbaute.

Natürlich muss wieder Willi Ley mit seinem in „Astounding Science Fiction“ 1974 erschienenen Artikel „Pseudoscience in Naziland“ als ernsthafte Primärquelle herhalten, die er meiner Meinung nach nicht ist.[5]

Ärgerlich ist, dass einige Hinweise Kurlanders im Nichts enden:

Himmler even sent an Ahnenerbe expedition to Karelia in Finland (…) to recover the Ur-Germanic religion drawn from the Edda. Based on this expedition and the SD’s witchcraft research, Himmler commissioned popular childrens’s literature as well as more adult-oriented »Witch novels in the form of a trilogy«.”[6]

Weitere Hinweise zu den Werken bleibt Kurlander schuldig.

Prinzipiell gut ist, dass Kurlander mit einigen Mythen klar aufräumt:

The Nazi Tibet expedition – and the religio-esoteric reasons behind it – have garnered a now legendary reputation, a mix of myth and reality. In terms of myth, there is no evidence of Nazism being sponsored by a shadowy, Tibet-inspired »Vril-society«, a favourite shibboleth of crypto-historians. Nor do we have any reason to believe Hitler was guided by a group o Tibetan sages, the »Agarthii«, connected to a Russion mystic George Gurdieff.”[7]

Leider vermisst man diese Klarheit bei vielen anderen Themen, bei denen er ambivalent eben nicht Stellung bezieht.

Als Überblick ist dieser Teil ganz nett, aber wer sich über Dinge wie Welteislehre informieren will, ist mit anderen Büchern besser bedient.

Part Three

Der große Wurf ist für den dritten Teil geplant. Mit Titeln der drei Kapitel wie „The Supernatural and the Second World War“, „Monstrous Science“ und „Nazi Twilight“[8] will Kurlander von Propaganda über Umsiedlungen, Holocaust, Wunderwaffen, Werwölfe und den Zusammenbruch des III. Reichs behandeln. Auf wiederum fast 100 Seiten springt er zu kurz, denn weder reicht der Platz für diese Zusammenfassung, noch kann er die Zusammenfassung liefern.

Seine Ausführungen über Vampire und We(h)rwölfe sind interessant, geschehen aber ohne jede Kenntnis der inzwischen reichhaltigen Literatur über diese Erscheinungen.

Sätze wie „Nor were the majority of gypsies murdered in the death camps.“[9] lässt man am Besten so stehen, ohne sich aufzuregen.[10]

Die Aussagen über die Rolle der deutschen Science Fiction in den Zwischenkriegsjahren lässt man ebenso am besten unkommentiert – nicht nur, dass es den Begriff Science Fiction für die Literatur in Deutschland damals nicht gab, Kurlander ignoriert auch Quellen wie Jost Hermands Untersuchungen zu dem Thema, u.a. in „Der alte Traum von neuen Reich“.[11]

Schwach, zusammengestoppelt, ohne Belang – außer als Steinbruch für eigenartige Quellen.

Epilogue

Vier Seiten gönnt sich der Autor für einen Epilog. Wer ist schuld? Das Internet:

The return of the repressed in terms of supernatural thinking has been aided by the internet, argues the historian Sabine Doering-Manteuffel, which has created an »occult structure« and discursive space where various conspiracy theories, apocalyptic claims, and border scientific arguments can challenge empirical reality.”[12]

Für jemand wie Kurlander, der die Entstehung der Mythen klar auf die 60er und 70er zurückgeführt hat, ist das ein Eigentor.

Der Rezensent spricht

Als schnell zu lesender Überblick ist das Buch wegen seiner Unmengen an Fußnoten für den normalen Leser nicht geeignet. Dazu kommt, dass der erste Teil gut, der zweite Teil mittelmäßig und der dritte Teil unterdurchschnittlich ist.

Und: Das Buch hat massive Schwächen, was das Lektorat betrifft, obwohl es in der Yale University Press erschienen ist. Denn offensichtlich fehlen mindestens zwei Korrekturläufe – einer für den englischsprachigen Text und einer für die deutschen Zitate.

Zwei Beispiele: Aus dem deutschen Phantastikautor Gustav Meyrink wird Gustav Meyrinck, der als „horror writer“ noch dazu falsch eingestuft wird.[13] Einzelne Dinge bleiben unverständlich. So fehlt hier offensichtlich der erste Satz:

Dorfes Hölkeweise ums Leben. Seine sterblichen Überreste, insbesondere seine Erkennungsmarke, wurden (…) vom »Verein zur Bergung Gefallener in Osteu-ropa« [sic] geborgen.“[14]

Sprachlich ist das Deutsch schwach. Aus der „Vertreibung“ als „forced emigration“ wird die „Vertriebung“[15] – mit „Trieb“ hat das nichts zu tun.

Auch ist nicht zu erklären, dass der deutsche Umlaut regelmäßig fehlt, was bei Literaturangaben z.B. aus „Die Fäden der Nornen“ von Gugenberger/Schweidlenka „Die Faden der Nornen“ macht.[16]

Fußnoten wie diese sind wenig hilfreich, wenn man ein Buch sucht:

Bohn, »Vampirismus«, pp. 1-2, 5-6; J. Striedter, »Die Erzahlung vom walachischen vojevoden Drakula in der russischen und deutschen überlierferung«, Zeitscrift für Slawische Philologie 29 (Heidelberg, 1961-2), pp. 12-20, 32-6, 107-20[17]

Ich erspare mir in dem Zitat die mehrfachen „sic!“, um auf augenfällige Fehler hinzuweisen.

Ein weiteres Beispiel für Literaturangaben muss genügen:

Karl Kosegg »Okkulete Erscheinungen verstuandlich gemacht? Wege zu ihrer Deutung«[18]

Ich könnte seitenlang so weitermachen, von Dingen wie „Wunderfwaffen“[19] bis „Schlussrede in Rechlin vor Vorsitzer der Rüstungskommissionen, Hauptausschussleitern, Ringleitern, Kommissionsvorsitzern“[20] in zwei aufeinanderfolgenden Fußnoten.

Beim Lokalkolorit kann ich Dinge überprüfen. Bild 22[21] zeigt nicht „Heinrich Himmler exploring ancient Germanic runes in Westphalia“, sondern höchstens „ancient German ruins“, und nicht einmal das, denn das Bild stammt augenscheinlich von den Ausgrabungen an den Externsteinen. Und das ist auch kein „ancient Germanic site of Detmold, a place of religio-racial transcendence“[22], wie er Walter Wüst zusammenfasst, sondern auch hier sind wahrscheinlich die Externsteine bei Detmold gemeint.

Insgesamt traurig. Gut gemeint, aber nicht gut gemacht.

Hermann Ritter, Dezember 2018



[1] S. xi

[2] Vgl. S. xiii

[3] S. 7

[4] Vgl. S. 333, Fußnote 166

[5] Vgl. S. 131

[6] S. 181

[7] S. 184

[8] … so die einführenden Worte der Titel der Kapitel

[9] S. 256

[10] Nur ein Verweis muss genügen: „Der Kommandant des Konzentrationslagers Auschwitz Rudolf Höß nannte in seiner Autobiographie »Zigeuner« nach Juden und russischen Kriegsgefangenen das »nächstfolgende Hauptkontingent« der Opfer.“; https://de.wikipedia.org/wiki/Zigeunerlager_Auschwitz#Zahl_der_Opfer, 29.12.2018

[11] Vgl. S. 265

[12] S. 299

[13] S. 76

[14] S. 383, Fußnote 235

[15] S. 281

[16] Vgl. S. 396

[17] S. 309, Fußnote 39

[18] S. 338, Fußnote 76

[19] S. 377, Fußnote 54

[20] Selbe Seite, Fußnote 55

[21] Bilder nach S. 202

[22] S. 232

 

 

 

 

       

 

 

 

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