Homo Magi - Teambeitrag

Die Blinde

Ein Märchen

Es war einmal eine blinde junge Frau. Sie war nicht immer blind gewesen. Als sie ein kleines Mädchen war, konnte sie sehen.

Sie sah die Welt mit all ihren Farben und ihr Herz war froh. Doch mit der Zeit verschwanden die Farben, zuerst wurden sie nur blasser, dann verfärbten sie sich langsam ins Grau, als wenn eine Schleier darüber läge. Irgendwann wurde das grau dunkler und eines Morgens erwachte sie und konnte nichts mehr sehen. Um sie war alles finster und schwarz.

Sie sprang aus dem Bett und versuchte die Fenster zu erreichen, um die Läden zu öffnen, doch sie konnte die Fenster nicht finden. Blind stolperte sie durch den Raum, stieß an Ecken und Kanten, fiel über Dinge die am Boden lagen. Auf Knien erreichte sie eine Türe. Sie tastete sich am Türrahmen hoch und fühlte nach der Klinke. Als sie die Tür öffnete drang jedoch kein Licht zu ihren Augen, obwohl es heller Tag sein musste. Alles blieb schwarz.

Da begriff sie, dass sie blind geworden war und sank zu Boden, um ihr Schicksal zu beklagen. In der Schwärze die sie umgab meinte sie Schemen zu sehen, Schatten die sich grau abhoben schlichen um sie herum, rote Augen blitzten im Dunkeln und gafften sie an, unsichtbare Hände griffen nach ihr.

Sie spürte wie eine Kälte in ihr hoch kroch bis zu ihrem Herzen, bis zu ihrer Seele. Voller Angst rappelte sie sich auf und stürzte schreiend aus dem Haus. Sie stieß gegen Bäume und riss sich Hände und Füße an dornigen Büschen auf, die ihr den Weg zu versperren suchten. Sie wusste nicht mehr wo sie war und begriff, dass sie sich verlaufen hatte. Auch zwischen Tag und Nacht konnte sie nicht mehr unterscheiden. Sie brauchte Hilfe, musste jemanden finden, der sie aus diesem Wald herausführen konnte.

Die Hände weit vor sich tastete sie sich langsam durch die Finsternis. Sie spürte die raue Borke der Bäume und die glatten kalten Felsen die rings um sie aufragten. Vorsichtig tastete sie sich weiter, prüfte mit den Füßen den Boden, um nicht zu stolpern.

Sie war erschöpft und müde und wusste nicht mehr wie lange sie so umhergeirrt war, als ihre Füße gegen etwas Weiches stießen. Sie tastete mit ihren Händen danach und fühlte warme weiche Haut, kräftige Hände die nach ihren griffen und hörte eine Stimme die sie fragt, was sie hier mache.

Müde aber glücklich endlich einen Menschen gefunden zu haben und voller Hoffnung, dass dieser ihr aus dem Wald heraushelfen würde, ließ sie sich neben ihm nieder und erzählte ihre Geschichte.

Er hörte ihr aufmerksam zu, stellte einige Zwischenfragen seit wann und wieso es so gekommen wäre und bot ihr schließlich seine Hilfe an, die sie dankbar annahm. Er erzählte ihr von den vielen Farben und dem Licht, das sie nicht mehr sehen konnte und während er mit ihr sprach hielt er ihre Hände und sie spürte, wie die Wärme langsam in ihren Körper zurückkehrte, ihr Herz und ihre Seele erreichte.

In der Schwärze die sie umgab blitzten Farben auf, flossen ineinander und vermischten sich zu immer neuen Farben und ergaben plötzlich ein Bild. Sie sah die bunten Wiesen, den leuchtenden Himmel und das Sonnenlicht, das über die Welt flutete.

Voller Freude erzählte sie ihm, wie glücklich sie nun, da sie ihr Augenlicht wieder hatte, war und das alles viel schöner sei als sie es in Erinnerung hatte. Sie bedankte sich für seine Hilfe und wollte glücklich nach Hause laufen doch sie kam nur wenige Schritte weit, da schlug ihr etwas so heftig an den Kopf, dass sie stürzte und meinte die Besinnung zu verlieren.

Ihre Sicht war verschwommen durch die Tränen die der Schmerz ihr in die Augen trieb und die Welt schien sich zu drehen und zu schwanken.

Sie rieb sich die Augen trocken und blickte auf.

Da erkannte sie, dass es nicht lichter Tag war sondern finstere Nacht, dass nicht die Sonne die Erde mit ihrem Licht überflutete sondern nur ein blasser Mond sein spärliches Licht auf sie warf, dass sie sich nicht am Rande einer blühenden Wiese sondern inmitten eines dunkeln, dichten Waldes befand und sie sich den Kopf an einem tief hängenden Ast gestoßen hatte.

Langsam und verwirrt drehte sie sich nach dem Menschen um, der ihr zuvor geholfen hatte.

Er saß ein paar Meter hinter ihr an einen Baum gelehnt und schien von ihrem Unfall nichts gemerkt zu haben. Seine Hände tatsteten suchend über den Boden und als er den Kopf hob sah sie, dass er aus trüben, blicklosen Augen ins Leere starrte.

Der Mensch von dem sie in ihrer Blindheit und Verzweiflung Hilfe erhofft und erhalten hatte war selber blind.

 

Dunja Reinicke

 

 

 

       

 

 

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